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Aus der Praxis

Schizophrenie und Pflegegrad: Warum „körperlich kann sie doch alles“ in die Irre führt

Der folgende Fall ist erfunden. Er ist aus vielen Situationen zusammengesetzt, die ich als Pflegesachverständiger immer wieder erlebe. Wenn Sie sich darin wiederfinden, ist das kein Zufall. Sie sind nicht allein damit.

Als ich klingle, öffnet Thomas die Tür. Er ist Anfang fünfzig, freundlich, ein bisschen zu schnell im Sprechen. Ich kenne diese Art von Nervosität. Sie gehört zu Menschen, die sich auf diesen Termin lange vorbereitet haben und trotzdem Angst haben, etwas falsch zu machen.

Seit einigen Jahren wohnt Thomas in der Wohnung neben seiner Schwester Sabine. Eigentlich war das nur als Übergang gedacht, „bis sich alles eingependelt hat“, wie er sagt. Eingependelt hat sich nichts. Er ist einfach geblieben.

Bevor wir hineingehen, fragt er leise, ob wir kurz unter vier Augen sprechen können.

„Wenn ich vor ihr erzähle, was alles nicht klappt, ist der Tag gelaufen. Dann fühlt sie sich vorgeführt. Und ich krieg's die nächsten Wochen ab.“

Natürlich können wir das.

Die halbe Stunde am Küchentisch

Sabine ist 48. Seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr hat sie eine paranoide Schizophrenie. Als ich sie kennenlerne, sitzt sie aufrecht am Küchentisch, die Hände gefaltet. Sie antwortet höflich und knapp. Sie steht auf, holt sich ein Glas Wasser, setzt sich wieder. Alles ruhig, alles kontrolliert.

Wer nur diese halbe Stunde sieht, sieht eine Frau, die gut zurechtkommt.

Und genau da liegt das Problem.

Was man an diesem Vormittag nicht sieht

Thomas erzählt mir, wie ein ganz normaler Tag aussieht. Er erzählt es stockend, als müsse er sich erst erlauben, es auszusprechen.

Nachts liegt Sabine oft wach. Sie sitzt im Zimmer und raucht, steht auf, legt sich hin, steht wieder auf. Thomas hört es durch die Wand. Manchmal geht er rüber und bittet sie, sich hinzulegen. Am nächsten Morgen sagt sie, sie habe gut geschlafen.

Morgens kommt sie kaum aus dem Bett. Damit sie duscht, muss er sie erinnern. Dann noch einmal. Dann diskutieren. Manchmal wird sie laut, beschimpft ihn, knallt die Tür. Und dann geht sie doch duschen.

Bei Minusgraden will sie im T-Shirt raus. Im Hochsommer nimmt sie die dicke Winterjacke. Thomas redet, erklärt, überzeugt, manchmal eine Viertelstunde lang, manchmal länger.

Wenn ihr Schlüssel nicht sofort auffindbar ist, ist sie überzeugt, dass ihn jemand genommen hat. Oft meint sie damit ihn.

An schlechten Tagen hört sie Stimmen. Keine, die ihr etwas befehlen, sondern solche, die sie herabsetzen und beschimpfen. Dann sitzt sie da und starrt in eine Ecke, in der niemand ist. Thomas muss sie drei, vier Mal ansprechen, bis sie wieder bei ihm ist.

Ein-, zweimal im Jahr kommen die richtig schweren Phasen. Dann ist sie nicht mehr erreichbar, und Thomas weiß, dass er sie zum Arzt bringen muss, ob sie will oder nicht.

Er erzählt das alles ohne Vorwurf. Er erzählt es so, wie man vom Wetter erzählt. Es ist eben so.

Und dann sagt er den Satz, den ich so oft höre:

„Aber eigentlich mache ich ja gar nichts für sie. Ich rede halt viel mit ihr.“

Hilfe heißt nicht nur anfassen

Wenn Sie an Pflege denken, denken Sie wahrscheinlich an Waschen, Anziehen, Heben, Essen reichen. An Hände, die etwas tun.

Menschen mit einer psychischen Erkrankung brauchen diese Art Hilfe oft gar nicht. Sabine kann sich selbst waschen. Sie kann sich selbst anziehen. Aber sie kann es nicht anfangen. Sie erkennt nicht, was gerade nötig ist. Sie verliert sich in ihren Ängsten. Und sie braucht jemanden, der anstößt, erinnert, überzeugt, beruhigt und aufpasst.

Das ist Hilfe, und zwar richtige.

In der Begutachtung zählt sie genauso wie die Hand, die beim Waschen hilft. Wenn Thomas jeden Morgen eine halbe Stunde braucht, bis Sabine aufsteht und duscht, dann hat Sabine einen Hilfebedarf bei der Körperpflege. Auch wenn sie den Waschlappen selbst in der Hand hält.

Vielen Angehörigen ist das nicht bewusst. Sie leisten diese Hilfe jeden Tag, aber weil sie dabei nichts anfassen, halten sie es nicht für Pflege. Dabei hat es einen Namen, und es zählt.

Der Bereich, der am häufigsten übersehen wird

Ein großer Teil von Sabines Einschränkungen gehört in einen eigenen Bereich der Begutachtung: Verhaltensweisen und psychische Problemlagen. Dort wird zum Beispiel erfasst:

Mir begegnen immer wieder Vorgutachten, in denen dieser Bereich kaum oder gar nicht bewertet wurde, obwohl die Diagnose bekannt war und genau dort die größten Schwierigkeiten liegen.

Dafür gibt es meist zwei Gründe. Entweder war es am Tag der Begutachtung schlicht nicht zu sehen, weil die Fassade gehalten hat. Oder es wurde nicht gesagt, weil die Angehörigen nicht wussten, dass es wichtig ist, oder weil sie es vor dem Betroffenen nicht aussprechen konnten.

Die Fassade

Menschen mit Schizophrenie reißen sich vor Fremden oft enorm zusammen. Das ist keine Täuschung und kein Trick. Es ist Selbstschutz, und es kostet sie viel Kraft. Häufig bricht es danach umso heftiger zusammen, wenn der Besuch gegangen ist.

Für die Begutachtung bedeutet das: Was der Gutachter sieht, ist oft die beste Version eines Tages, nicht der Alltag.

Deshalb ist das, was Sie als Angehörige berichten, hier so entscheidend. Sie kennen die Nächte, die Morgen und die schlechten Tage. Und deshalb ist es völlig in Ordnung, um ein kurzes Gespräch ohne den Betroffenen zu bitten. Sie verraten damit niemanden. Sie sorgen dafür, dass das Bild vollständig wird.

Was nicht in der Akte steht, gibt es später nicht

Das Gutachten ist die Grundlage für alles, was danach kommt. Wenn Sie Widerspruch einlegen oder es später zu einer weiteren Prüfung kommt, wird oft zuerst die Akte gelesen. Was dort fehlt, fällt meist auch dann nicht auf, denn niemand kann etwas finden, das nie aufgeschrieben wurde.

Deshalb ist der Tag der Begutachtung so wichtig. Und deshalb hilft es, wenn Sie das Wichtigste nicht nur erzählen, sondern auch schriftlich mitgeben.

Was Thomas anders gemacht hat

Thomas war vorbereitet. Er wusste, nach welchen Bereichen gefragt wird. Er hatte sich in den Wochen davor aufgeschrieben, wie oft Sabine nachts aufsteht, wie lange es dauert, bis sie duscht, wie oft im Jahr es richtig schlimm wird. Er hatte einen Zettel dabei.

Er musste nicht im Gedächtnis kramen, während seine Schwester im Nebenzimmer saß. Er konnte in Ruhe erzählen, Punkt für Punkt.

Beim Abschied sagte er: „Ich wusste vorher gar nicht, dass das alles zählt.“

Es zählt mehr, als die meisten denken.

Was Sie daraus mitnehmen können

Wenn Sie wissen möchten, wo Ihr Angehöriger ungefähr steht, machen Sie den kostenlosen Schnelltest, ohne Anmeldung und ohne E-Mail. Den vollständigen Pflegegradrechner mit allen 64 Kriterien gibt es im Pro-Paket. Wie Sie sich Schritt für Schritt auf den Termin vorbereiten und eine schriftliche Zusammenfassung für den Gutachter erstellen, zeige ich im Kurs.

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